SPD Illingen / Schützingen

 

SPD–Kreisräte fordern Mittagessen für 1 Euro in der Schule

Veröffentlicht in Kommunalpolitik

Interview mit dem Kreistags-Fraktionsvorsitzenden Jochen Protzer.

Warum ist das Mittagessen so wichtig?

Immer mehr Kinder gehen heute nach der Schule nach Hause, treffen überhaupt niemand an oder bekommen dort keine warme Mahlzeit. Ganz unabhängig von der sozialen Herkunft ist ein vernünftiges Mittagessen für die Kinder aber sehr wichtig. Da geht es um Gemeinschaft und Betreuung, aber auch um Lebensaspekte, Lernunterstützung und nicht zuletzt um die gesunde körperliche und seelische Entwicklung der Kinder. Ein warmes Mittagessen hat aber auch etwas mit Kultur zu tun. Es gibt mehrere Argumente für die Forderung der SPD-Kreisräte. Vordergründig kann man natürlich von ernährungsphysiologischen, aber auch von bildungspolitischen oder sozialen Gesichtspunkte sprechen – das eine ist so wichtig wie das andere. Aber ein vernünftiges Essen hat auch viel mit der Kultur des Miteinander-Lebens zu tun. Das gemeinsame Essen müsste wieder einen höheren Stellenwert bekommen.


Gibt es Erkenntnisse darüber, wie groß das Problem im Enzkreis ist?

Nicht exakt, aber aus einer Studie des Enzkreises über die Lebens- und Freizeit-Situation von Kindern bis 14 Jahren wissen wir bereits aus dem Jahr 2001, dass bei zwölf Prozent der Kinder niemand auf sie wartet, wenn sie mittags nach Hause kommen. Diese Zahlen haben seit damals aber noch stark zugenommen, denn z.B. die Zahl allein erziehender Elternteile steigt und unabhängig davon leider auch die Zahl von Menschen, die mangels Geld auf eine gesunde Ernährung völlig verzichten. Untersuchungen in anderen Kreisen ergaben eine erschreckend hohe Zahl von Kindern besonders aus sozial benachteiligten Familien, die bereits ohne Frühstück zur Schule kommen. Von einem geregelten Mittagessen ganz zu schweigen.

Wie wollen die SPD-Kreisräte diese Forderung durchsetzen?

So wie man alle Forderungen durchsetzt: In dem man Argumente austauscht, Lösungen erarbeitet, Verbündete sucht und politische Mehrheiten findet.

Dann ist da ja auch noch die Frage nach den Kosten. Hat die SPD die Finanzierung denn schon einmal durchkalkuliert?

Wir haben das einmal grob durchgerechnet. Es ist nicht billig, aber es ist machbar. Wenn Sie sich überlegen, dass ein Schüler die öffentliche Hand im Jahr durchschnittlich 5000 Euro kostet, dann relativieren sich die Kosten für ein 1 Euro-Essen doch sehr stark. Wir haben im Enzkreis 75 Schulen. In fünf Ganztagesschulen wird derzeit ein Mittagessen angeboten, vier weitere sind in der Planung. Wir haben im Enzkreis insgesamt rund 22 000 Schüler in den verschiedenen Schularten. Daran sieht man, dass das bestehende Essensangebot nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Man geht, wie z.B. in Keltern, von Einkaufs - Kosten pro Mittagessen von derzeit ca. drei Euro aus. Bei einem Eigenanteil von einem Euro bliebe also eine Differenz von rund zwei Euro, die die öffentliche Hand tragen müsste. Bei 22 000 Schülern und 185 Schultagen käme man auf rund vier Millionen Essen pro Jahr. Aus der Erfahrung ist anzunehmen, dass Essensangebote zunächst von zehn bis fünfzehn Prozent der Schüler genutzt werden. Selbst wenn als unser Ziel bis zu 25 Prozent der Schüler das Angebot wahrnehmen sollten, wären wir bei einer Million Essen. Dann reden wir also von rund zwei Millionen Euro im Jahr für alle Schulträger; das ist knapp die Hälfte des jährlichen Kreisaufwands für die Schülerbeförderungskosten.

Mindestens die Hälfte aller Schulen verfügt doch gar nicht über die notwendigen räumlichen Voraussetzungen. Wie sollen die dieses Problem dann lösen?

Hier setzen wir auf die Fantasie der Schulen und der Schulträger, die sicher Lösungen vor Ort finden, die keine Millionen an Investitionen kosten. Das Mittagessen für 1 Euro soll auch gar nicht abhängig gemacht werden von einer Ganztagsbetreuung, obwohl wir den Ausbau der Ganztagsschulen ebenfalls dringend fordern.

Kritiker können den SPD-Kreisräten entgegen halten, das Thema gehe den Enzkreis überhaupt nichts an, ein Essen sei Aufgabe des Schulträgers, also in der Regel der Gemeinden.

Das eine schließt ja das andere nicht aus. In Keltern werden zum Beispiel bereits 1 Euro der Kosten durch die Gemeinde übernommen. Aber 2 Euro pro Mittagessen bleiben, für viele Familien eben 2 Euro zu viel. Wir glauben deshalb, dass der Enzkreis durchaus die richtige Ebene ist, auf der man politisch die notwendigen Wegsteine setzen kann, zum Beispiel durch ein entsprechendes Vorbild an den kreiseigenen Schulen. Der Enzkreis kann den Entscheidungsträgern in den Städten und Gemeinden außer mit Zuschüssen auch mit Leitlinien und Vereinbarungen helfen und versuchen , eine Einigung mit den Schulträgern zu erzielen. Aber man muss klar sagen, dass das keine gesetzliche, sondern eine freiwillige Leistung ist . Wir von der SPD sind allerdings von der Bedeutung und der Wichtigkeit eines gesunden Mittagessens an Schulen überzeugt. Und so wollen wir als SPD den Denk- und Abwägungsprozess in den einzelnen Gemeinden forcieren. Deshalb ist es wichtig, dass der Enzkreis das Thema aufgreift und einen Schritt vorangeht. Wir sind überzeugt davon, dass wir bei Schülern und Eltern offene Türen einrennen, denn das Thema 1 Euro pro Mittagessen wird sicher starken Rückenwind erhalten.

 

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