Früher hat es auf den Schienen im Land ordentliche gedampft! (Quelle: photocase.com // Mikromaus) „Eine Fahrt mit der Eisenbahn kann ich beim besten Willen nicht als Reise bezeichnen. Man wird ja lediglich von einem Ort zum anderen befördert und unterscheidet sich damit nur sehr wenig von einem Paket.“
Diese doch eher nüchterne Einschätzung des englischen Schriftstellers John Ruskin steht in krassem Gegensatz zur Faszination, die die Eisenbahn seit ihrer Entstehung zu Anfang des 19. Jahrhunderts auf uns Menschen ausübt. Männer, Frauen, Alte, Junge, Reisende und Zuschauende: seit jeher zieht die Eisenbahn interessierte, begeisterte und sehnsüchtige Blicke auf sich. In der Anfangszeit des schienengebundenen Verkehrs waren es die mächtigen Dampfloks, die mit schwerem Schnaufen, dunklen Rauchwolken und großem Getöse an den Dörfern und Städtchen des 19. Jahrhunderts vorbeizogen und bei den Menschen, für die Mobilität beileibe keine Selbstverständlichkeit war, eine Sehnsucht nach Ferne und Abenteuer hinterließen. Heute sind es die pfeilschnellen Hochgeschwindigkeitszüge, die uns mit ihrer Technik und ihrem Aussehen faszinieren und die unkompliziert, umweltfreundlich und immer schneller die großen Städte einzelner Länder aber auch ganzer Kontinente miteinander verbinden.
Die Entwicklung eines vernetzten, Massen-kompatiblen Verkehrsmittels und die damit einhergehende drastische Verkürzung der Transport- und Reisezeit von Gütern und Menschen war auch die Antriebsfeder für die Entstehung der Eisenbahn vor rund 200 Jahren. Beginnend in Nordamerika und England breitete sich der Siegeszug der Schiene rasch aus und erreichte Mitte der 1850er Jahre die heutige Region Heilbronn-Franken, wo sich am 04. August 1862 der erste Zug der Hohenlohebahn – betrieben und gebaut von der Königlich Württembergische Staatsbahn - auf die Strecke zwischen Heilbronn und Schwäbisch Hall, später bis nach Crailsheim machte.
Dass die Jungfernfahrt der Hohenlohebahn in die Blütezeit des Schienenverkehrs fällt, erkennt man schon daran, dass im selben Jahr weltweit wichtige Bahnprojekte in Angriff oder in Betrieb genommen werden. So geht unter anderem auf der Strecke Hamar–Grundset in Norwegen die weltweit erste Schmalspurbahn an den Start und im Osten Europas wird das letzte Teilstück der sich seit 1851 im Bau befindlichen Petersburg-Warschauer Eisenbahn fertiggestellt. Der US-amerikanische Kongress gründet die US Military Railroad mit dem Ziel, den Westen der USA zu erschließen. Und in Genf wird mit der so genannten Rösslitram die erste Pferdestra0enbahn der Schweiz in Betrieb genommen.
Wie überall wirkte die Bahn auch im Deutschen Bund als Katalysator der Industriealisierung, da sie einerseits die infrastrukturellen Voraussetzungen für die Entwicklung der Schwerindustrie schuf, andererseits selbst eine gewaltige Nachfrage nach Eisen, Stahl und Maschinen erzeugte. Darüber hinaus versetzte sie Arbeiter erstmals in die Lage, ohne individuellen Aufwand mobil zu sein und brachte somit die erste Generation der Berufspendler hervor. Auch für den modernen Brücken- und Tunnelbau war die Eisenbahn Wegebreiter. Um Bahnstrecken in bergigen Regionen zu verwirklichen, liefen die Ingenieure und Architekten bereits in der Anfangszeit der Eisenbahn zu Höchstform auf. Die Bahn kann also gut und gerne als Triebfeder der Industrialisierung, der technischen Entwicklung, des modernen Wegebaus und der Massenmobilität bezeichnet werden.
Vergleicht man die Bahn von heute mit der der Entstehungszeit, so hat sie in Sachen Schnelligkeit, Netzdichte und Komfort selbstverständlich eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht. Manche Dinge scheinen heute noch ähnliche Probleme zu verursachen wie vor 150 Jahren. So ist aus dem Startjahr der Hohenlohebahn über den Öhringer Bahnhof überliefert, dass der Andrang der Fahrgäste oft so gewaltig war, dass der kleine Wartesaal diese nicht aufnehmen konnte, so dass diese gezwungen waren, - ich zitiere - „sich auf der Collonade oder ganz im Freien aller Witterung preiszugeben”. Solche Klagen höre ich heute in ähnlicher Form noch über Stadtbahnhaltestellen oder kleinere Bahnhaltepunkte - manche Dinge ändern sich eben nie.
Was sich in den vergangenen 150 Jahren auf jeden Fall verändert hat, ist die Bedeutung von Bahnstrecken, die wie der Hohenlohebahn den ländlichen Raum erschließen. Waren diese Schienenstrecken im Zuge der Industrialisierung und der Bevölkerung dieser Landstriche wichtige Lebens- und Verkehrsadern, so nahm ihre Bedeutung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dank Wirtschaftswunder und Siegeszug des Individualverkehrs deutlich ab. Seit einigen Jahren können wir hier eine erneute Trendwende beobachten, was auf steigende Energiepreise und erhöhte Sensibilität der Menschen für Umwelt- und Klimaschutz zurück zu führen ist.
Diese sich verändernden Bedürfnisse stellen Politik, Wirtschaft und gesellschaftliche Akteure auf allen Ebenen vor eine enorme Herausforderung, die gemeinsam gemeistert werden muss, weil es ja nicht um eine Form der Mobilität alleine geht, sondern um ein intelligentes Zusammenspiel und eine gute Vernetzung verschiedener Verkehrsmittel. Auch die grün-rote Landesregierung macht sich hier auf den Weg. Die Grundsatzentscheidung, künftig 60 statt 40 Prozent der Mittel aus dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz des Landes für den Umweltverbund einzusetzen und entsprechend weniger für den Straßenbau ist ein Schritt in die richtige Richtung.
In die richtige Richtung, nämlich nach Öhringen, ging es auch heute Vormittag und zwar ganz stilecht mit einem historischen Elektrotriebwagen. Ich will nicht verhehlen, dass es mich wirklich gefreut hat, hierfür am Heilbronner Hauptbahnhof den Abfahrtsauftrag geben zu dürfen. In diesem Sinne wünsche ich dem heutigen Festtag weiterhin einen guten Verlauf und der Hohenlohebahn auch in den nächsten 150 Jahren eine gute Entwicklung und immer den nötigen – wenn auch rein sprichwörtlichen - Dampf im Kessel.
(es gilt das gesprochene Wort)
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