Reinhold Gall mit den besten Azubis (Quelle: Kreishandwerkerschaft HN-Ö) Dass Reinhold Gall als gelernter Fernmeldehandwerker einen engen Bezug zu den Handwerksorganisationen hat, liegt auf der Hand. Auch als Abgeordneter stand er stets in engem Austausch mit Vertretern von Handwerkskammer und Kreishandwerkerschaft und hat dies auch nach seinem Wechsel an die Spitze des Innenministeriums so beibehalten.
Klar, dass er sich nicht zweimal bitten ließ und mit Freude Ende September die Rede zur Gesellenfreisprechung der Kreishandwerkerschaft Heilbronn-Öhringen hielt. In seiner Rede gratulierte er den frisch gebackenen Gesellinnen und Gesellen zu ihrer Freisprechung, lobte die Handwerksbetriebe für ihr überdurchschnittliches Engagement in Sachen Ausbildung und erläuterte auch, warum das Handwerk mehr ist als eine reine Wirtschaftsmacht:
„Doch das Handwerk ist mehr als eine reine Wirtschaftsmacht. Das Handwerk ist ehrlich und bodenständig, es folgt klaren sozialen Maßstäben und es ist sich seiner gesamtgesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Es geht beim Installateur und beim Schreiner nicht darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld zu „machen“. Im Handwerk wird nicht spekuliert und gezockt, im Handwerk wird gearbeitet. Das Handwerk steht für Vertrauen und Verlässlichkeit, auch wenn natürlich jeder von uns Geschichten erzählen kann, dass bei einem Auftrag einmal etwas nicht geklappt hat. Doch wir wissen sehr genau, dass zum einen die Konsequenzen eines falsch gebohrten Bohrloches überschaubarer sind als das Schlamassel, das so mancher Investmentbanker hinterlassen hat. Und wir wissen auch, dass im Handwerk in der Regel sehr gute Arbeit geleistet wird und dass wir uns auf unsere Bäcker, unsere Friseure, unsere KFZ-Mechaniker und auf alle anderen, die das für uns erledigen, was wir selbst nicht können, verlassen können.“
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Sehr geehrter Herr Kreishandwerksmeister Rothenbuger,
werter Herr Hauptgeschäftsführer Mühleck,
aber vor allem liebe Nachwuchshandwerkerinnen und –handwerker, denn zu Ihnen möchte ich heute Abend in erster Linie sprechen,
die Gesellenfreisprechung ist nicht ohne Grund der Höhepunkt Ihrer Ausbildungszeit. Mit dem heutigen Tag liegen endgültig alle Anstrengungen Ihrer Ausbildung, der Prüfungsstress und die Anspannung der letzten Wochen hinter Ihnen. Und ganz gleich, ob Sie Ihre Ausbildung und die Prüfung locker durchlaufen haben oder ob Sie sich so richtig anstrengen mussten: Sie sind heute hier, weil Sie es geschafft haben. Und das ist ein großer Erfolg, auf den Sie stolz sein können!
853 fertig ausgebildete junge Menschen haben sich heute in der Harmonie versammelt, um – so will es die Handwerkertradition – von den Bindungen ihres Lehrvertrags freigesprochen zu werden und ihren Gesellenbrief zu erhalten. Dazu kommen zahlreiche weitere Gäste: stolze Eltern, die heute einen weiteren Schritt im Abnabelungsprozess ihrer Kinder erleben. Der eine oder andere Meister, der seinen Schützling gut durch die Ausbildung gebracht hat und nun auch beim krönenden Abschluss dabei sein will. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung – das zeigt, wie fest das Handwerk in unserer Raumschaft verwurzelt ist und wie groß die Wertschätzung ist, die man Ihnen und den Betrieben, in denen Sie ausgebildet wurden, entgegen bringt.
Eigentlich bin ich kein Freund davon, bei Festreden mit Zahlen um sich zu werfen. Die Zahlen, die ich im aktuellen Jahresbericht des baden-württembergischen Handwerkstages gefunden habe, sind allerdings sehr beeindruckend. Ich präsentiere sie hier gerne, denn Sie alle tragen dazu bei, dass das Handwerk in Baden-Württemberg so gut dasteht:
Im Jahr 2011 haben in Baden- Württemberg 729.000 Beschäftigte in 132.629 Handwerksbetrieben ihre Fähigkeiten und ihre Arbeitskraft angeboten, davon befinden sich 12.166 in der Region Heilbronn-Franken. Damit hat das Handwerk in Baden-Württemberg einen Anteil von rund 15 Prozent an der Gesamtwirtschaft. Dazu kamen im Jahr 2011 53.331 Auszubildende, das ergibt einen Anteil von sage und schreibe 28 Prozent an der Gesamtzahl der Auszubildenden. Und für diese hohe Zahl an Ausbildungsplätzen möchte ich mich heute ganz einfach mal bedanken. Über 50.000 Ausbildungsplätze sind über 50.000 Chancen für die Schulabgängerinnen und Schulabgänger unseres Bundeslandes.
Das Handwerk ist ein verlässlicher Partner für diese jungen Menschen und zwar nicht nur heute, wo wir in Baden-Württemberg eine gut aufgestellte Wirtschaft und eine optimistische Konjunkturprognose haben, sondern auch in Zeiten, in denen das eben nicht der Fall war. In Zeiten, in denen zu Beginn eines Ausbildungsjahres keine freie Lehrstellen mehr zu haben war, sondern junge Männer und Frauen ohne Ausbildungsvertrag auf der Straße standen oder in Warteschleifen geparkt wurden. Und das teilweise über Jahre hinweg. Auch in diesen Zeiten war es das Handwerk, waren es die kleinen Betriebe, die verlässlich ihren Nachwuchs ausgebildet haben und dies nicht als Kostenfaktor, sondern als Investition in die Zukunft, vielleicht sogar in den Fortbestand des Betriebs gesehen haben. Wenn man bedenkt, dass 55 Prozent der Handwerksbetriebe in Baden-Württemberg fünf Beschäftigte oder weniger haben, dann ist dieser Anteil am Ausbildungsmarkt eine enorme Leistung.
Und es ist eine Leistung, die sich lohnt. Nicht umsonst steht die heutige Gesellenfreisprechung unter dem Motto „Unser größtes Talent: Talente fördern“. Talent und eine gute Ausbildung sind der erste Schritt hin zum Meisterbrief – ich bin gespannt, was Sie, die heute hier sitzen, in Ihrem beruflichen Leben noch so alles erreichen werden.
Und außerdem: Ausbilden macht ja auch Spaß. Das weiß ich übrigens nicht nur von Betriebsbesichtigungen, sondern auch aus eigener Erfahrung. Ich kann nämlich mit Fug und Recht sagen, dass ich eigentlich einer von Ihnen bin. 1976 habe ich beim Heilbronner Fernmeldeamt meine Ausbildung zum Fernmeldehandwerker abgeschlossen. Das Unternehmen gibt es heute nicht mehr und auch der Ausbildungsberuf heißt mittlerweile Kommunikationselektroniker – davon müssten auch heute einige im Saal sitzen - aber auch ich kann mich noch gut an meine eigene Gesellenfreisprechung erinnern. Einige Jahre später habe ich dann den Ausbilderschein gemacht und selbst junge Menschen ausgebildet. Ich erinnere mich, dass wir nicht nur gut zusammen gearbeitet haben, sondern dass wir wirklich auch viel Spaß hatten.
Nun stehe ich heute nicht als Handwerker vor Ihnen, sondern als Innenminister unseres Bundeslandes. Sie sehen also, Lebenswege und berufliche Karrieren sind nicht unbedingt vorhersehbar. Ich will die Gelegenheit nutzen, Sie zur Weiterbildung und – auch wenn es möglicherweise etwas abgedroschen klingt - zum lebenslangen Lernen zu motivieren. Vielleicht nicht gleich ab morgen. Nach dem erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung hat man sich auch mal eine geistige Erholungsphase verdient. Aber grundsätzlich sollten Sie zugreifen, wenn sich Ihnen die Möglichkeit zur weiteren Qualifizierung bietet. Sie sind fleißige, aufgeweckte und motivierte junge Menschen, sonst würden Sie heute nicht hier sitzen. Und genau diese Eigenschaften gepaart mit handwerklichem Können und einem gesunden Ehrgeiz sind Pfunde, mit denen Sie wuchern können.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Durchlässigkeit im Bildungsbereich nicht nur während der Schulzeit, sondern auch danach zu erhöhen. Die Möglichkeiten, ohne Abitur eine Hochschule zu besuchen, sind nicht ausreichend. Es leuchtet mir nicht ein, warum jemand, der erfolgreich eine Ausbildung absolviert und vielleicht ein paar Jahr Berufserfahrung erlangt hat, nicht grundsätzlich das Möglichkeit haben soll, ein Studium im entsprechenden Fachbereich zu absolvieren. Eine solche Öffnung bringt in meinen Augen auch die Chance, dem Nachwuchsmangel in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen zu begegnen. Warum soll ein ausgebildeter Industriemechaniker nicht ohne Umwege Maschinenbau studieren können, warum eine Industrieelektronikerin nicht Elektrotechnik? Wirtschaft und Handwerk jedenfalls sind dazu bereit. So fordert die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgebervereinigung den „Uni-Zugang für Gesellen“. Nur so könne der Fachkräftemangel beseitigt und die Akademikerquote erhöht werden“, heißt es dort.
Natürlich weiß ich, dass es auch heute schon Möglichkeiten gibt, ohne Abitur zu studieren. Doch diese Möglichkeiten sind kaum bekannt und nur wenige nutzen sie. Und natürlich muss auch nicht aus jedem Gesellenbrief ein Hochschulabschluss werden. Aber diejenigen, die dies wollen und dafür geeignet sind, sollen ohne große Hürden ein Studium aufnehmen können. In ihrem eigenen Interesse, aber auch im Interesse unserer Wirtschaft.
Sie sehen, für eine erfolgreiche Handwerksbranche, aber auch für Ihr ganz persönliches Weiterkommen im Beruf müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Weil wir wissen, dass Handwerk und Mittelstand das Rückgrat der baden-württembergischen Wirtschaft bilden, hat die grün-rote Landesregierung bei zentralen Projekten auf die Ratschläge und Wünsche der Handwerkerschaft gehört. Ich will nur einige Beispiele nennen:
Mit dem im Mai dieses Jahres beschlossenen Tariftreuegesetz verpflichten wir die öffentliche Hand, ihre Aufträge nur an Firmen zu vergeben, die ihre Belegschaft ordentlich und tarifgebunden entlohnen. Damit schaffen wir Wettbewerbsgleichheit und verhindern die Benachteiligung von Handwerksbetrieben, die immer schon wussten, dass man seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für gute Arbeit auch guten Lohn zahlen muss.
Wir setzen auf die Energiewende und zwar nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern weil dezentrale Energiegewinnung ein richtiger Motor für die wirtschaftliche Entwicklung ist und für Arbeit und Arbeitsplätze sogt. Ob Niedrigenergiehäuser und Gebäudedämmung, Solar- oder Windkraftanlagen: ohne das Now-How der örtlichen Handwerksbetriebe würde die Umsetzung hier um einiges weniger schnell voran gehen.
Wir haben den Weg frei gemacht für längeres gemeinsames Lernen. 40 Schulen im Land sind vor wenigen Wochen als Gemeinschaftsschule ins neue Schuljahr gestartet. Auf dieser Schulform ruhen übrigens auch die Hoffnungen des Handwerks. In einer Veröffentlichung konnte ich lesen, dass sich der baden-württembergische Handwerkstag als „Pionier
unter den Befürwortern eines längeren gemeinsamen Lernens“ bezeichnet und das nicht ohne Grund. In einem Schulsystem, das nicht auf schnelle Auslese, sondern auf individuelle Förderung setzt, wird es gerade im Handwerk, aber auch im Facharbeiterbereich einfacher werden, qualifizierten Nachwuchs zu finden. Nach allem, was ich höre, laufen die Gemeinschaftsschulen im Land ganz gut an. Und wenn man weiß, wie komplex die Einführung einer neuen Schulform ist, dann gilt hier ebenso wie im Handwerk: es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und die Erfahrungen aus den Starterschulen werden dazu beitragen, manche Anlaufschwierigkeit rasch zu beheben.
Darüber hinaus hat die neue Landesregierung erstmals einen Regierungsbeauftragten für Mittelstand und Handwerk eingesetzt und damit eine langjährige Forderung des Handwerks erfüllt. Dabei geht es insbesondere uns Sozialdemokraten um einen regelmäßigen und engen Austausch mit den Vertreterinnen und Vertretern des Handwerks. Auf Kreis- und Regionsebene – in diesem Zusammenhang möchte ich mich bei Ihnen, Herr Rothenburger und Herr Mühleck, für die stets vertrauensvollen und konstruktiven Gespräche der letzten Jahre bedanken - aber auch auf Landesebene. Das nächste Treffen der SPD-Landtagsfraktion mit Vertretern der Kreishandwerkerschaften im Land findet bereits Anfang November statt, bei diesen Gesprächen bekommen wir immer sehr gute Impulse für unsere politische Arbeit.
Doch warum ist uns dieser enge Austausch mit dem Handwerk so wichtig? Das Handwerk ist eine Konjunkturmotor, das belegen die Zahlen, die ich eingangs genannt habe, eindrücklich. Das Handwerk ist ein wichtiger Partner in Bildung und Ausbildung. Das Handwerk schafft Wohlstand und Wertschöpfung.
Doch das Handwerk ist mehr als eine reine Wirtschaftsmacht. Das Handwerk ist ehrlich und bodenständig, es folgt klaren sozialen Maßstäben und es ist sich seiner gesamtgesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Es geht beim Installateur und beim Schreiner nicht darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld zu „machen“. Im Handwerk wird nicht spekuliert und gezockt, im Handwerk wird gearbeitet. Das Handwerk steht für Vertrauen und Verlässlichkeit, auch wenn natürlich jeder von uns Geschichten erzählen kann, dass bei einem Auftrag einmal etwas nicht geklappt hat. Doch wir wissen sehr genau, dass zum einen die Konsequenzen eines falsch gebohrten Bohrloches überschaubarer sind als das Schlamassel, das so mancher Investmentbanker hinterlassen hat. Und wir wissen auch, dass im Handwerk in der Regel sehr gute Arbeit geleistet wird und dass wir uns auf unsere Bäcker, unsere Friseure, unsere KFZ-Mechaniker und auf alle anderen, die das für uns erledigen, was wir selbst nicht können, verlassen können.
Nun will ich aber die Gelegenheit nutzen und Ihnen noch einmal sehr herzlich zum erfolgreichen Abschluss Ihrer Ausbildung gratulieren! Insbesondere denen, die im Verlauf des Abends ihre Auszeichnung als Prüfungsbeste erhalten werden und den Vertreterinnen und Vertretern der Ausbildungsbetriebe, die heute für vorbildliche Ausbildung ausgezeichnet werden, möchte ich meine Anerkennung aussprechen. Aber auch alle anderen, die heute ihren Gesellenbrief erhalten, verdienen großes Lob.
Für Ihren weiteren Lebensweg wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute! Dass Sie Ihre beruflichen und privaten Ziele umsetzen können, dass Sie gute Entscheidungen treffen und dass Ihnen bei Bedarf kluge und verlässliche Ratgeber zur Seite stehen.
Genießen Sie den heutigen Abend in vollen Zügen! Falls Sie zu denen gehören, die im Ausbildungsbetrieb bleiben oder bereits eine Weiterbeschäftigung gefunden und einen Beruf gelernt haben, in dem Sie auch samstags früh raus müssen, hoffe ich, dass Sie vorsorglich für morgen Urlaub eingereicht haben. Ansonsten halten Sie es einfach mit dem Regisseur und Schauspieler Woody Allen, von dem ich ein schönes Zitat gefunden habe, das Ihnen sowohl für heute Abend, als auch für Ihre weitere Zukunft ein Kompass sein kann:
„Alles in allem wird deutlich, dass die Zukunft große Chancen bereithält - sie enthält aber auch Fallstricke. Der Trick ist, den Fallstricken aus dem Weg zu gehen, die Chancen zu ergreifen und bis sechs Uhr wieder zu Hause zu sein.“
Und auch wenn ich – wie bereits erwähnt – gelernter Fernmeldetechniker und kein Richter bin, erlaube ich mir heute zumindest einen verbalen Ausflug in die Welt des Gerichts:
Ich verkünde, zwar nicht im Namen des Volkes, aber immerhin mit der Zustimmung aller, die hier im Saal sitzen, das Urteil:
Liebe Gesellinnen und Gesellen,
Sie waren engagiert im Ausbildungsbetrieb,
konzentriert bei den Prüfungen
und sind hochmotiviert für die weitere berufliche Laufbahn.
Bei solchen Voraussetzungen kann das Urteil des heutigen Abends wirklich nur lauten: Freispruch!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.