„Man erhält nicht alle Tage eine Einladung zum 750. Geburtstag und deswegen habe ich mich sehr gefreut, als mich Bürgermeister Norbert Heuser vor einigen Monaten gefragt hat, ob ich am heutigen Abend nicht nur mitfeiern, sondern auch die Festrede halten könne. Gerne habe ich zugesagt und möchte gleich einen kleinen Bogen in die Landespolitik nach Stuttgart schlagen.
Cleversulzbach ist nämlich nicht der einzige Jubilar, der 2012 einen runden Jahrestag begeht. In diesem Jahr feiern wir Land auf Land ab, vom Main bis an den Bodensee, von der Kurpfalz bis ins Allgäu den 60. Geburtstag unseres schönen Landes mit einem bunten Reigen von Veranstaltungen. Deswegen bin ich mittlerweile sehr geübt im Überbringen von Grußadressen und darf an dieser Stelle den Bürgerinnen und Bürgern von Cleversulzbach, ihrem Ortsvorsteher Günther Stahl, aber auch Bürgermeister Norbert Heuser und ganz Neuenstadt die herzlichsten Glückwünsche von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und dem stellvertretenden Ministerpräsident Nils Schmid überbringen. Im Namen der Landesregierung von Baden-Württemberg wünschen wir der Stadt Neuenstadt und ihrem am 1. Januar 1972 dazu gekommenen Stadtteil eine gedeihliche Zukunft.
In der Vorbereitung auf den heutigen Abend habe ich mir überlegt, was die Bürgerinnen und Bürger von Neuenstadt - und natürlich insbesondere die aus Cleversulzbach - wohl von einer Rede zum 750. Jubiläums dieses kleinen, ehemals selbständigen Örtchens, erwarten. Vielleicht einen historischen Rückblick auf die lange Geschichte des im Jahre 1262 erstmals unter dem Namen Glefer Sulzbach erwähnten Dorfes? Sicherlich, aber auf diesem Gebiet ist der Ortshistoriker Werner Uhlmann, auf dessen Vortrag ich mich schon freue, deutlich kompetenter als ich.
Vielleicht auch ein paar Worte dazu, dass Cleversulzbach in diesem Jahr nicht nur seinen 750. Geburtstag, sondern auch das 40. Jahr seiner Zugehörigkeit zur Stadt Neuenstadt feiert? Bestimmt auch das, aber hierfür haben wir am heutigen Abend mit Bürgermeister Norbert Heuser und Ortsvorsteher Günther Stahl geeignetere Redner.
Also habe ich mir überlegt, dass man von einem Innenminister wohl am ehesten einen ausgefeilten, umfangreichen und wissenschaftlich fundierten Fachvortrag erwartet. Quasi eine Art Vorlesung zu einem verwaltungswissenschaftlichen Thema wie "Die Bedeutung der kommunalen Selbstverwaltung im Nachkriegsdeutschland" oder "Der Vergleich der Verwaltungsstrukturen im Mittelalter und im heutigen Baden-Württemberg". 60 Minuten müssen Sie da schon einplanen, meine sehr verehrten Damen und Herren, bei Verständnisfragen können Sie mich gerne unterbrechen und das Skript zur Vorlesung finden Sie zum Download auf meiner Homepage...
Aber nein, keine Sorge. Nichts liegt mir ferner, als Sie am heutigen Festabend mit Paragraphen und Fachvokabular zu langweilen. Antoine de Saint-Exupery hat im "Kleinen Prinzen" geschrieben: "Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar". Und weil der Ort, in dem man wohnt, etwas ganz Wesentliches für einen darstellt, werde ich heute Abend mein Herz sprechen lassen. Und mit was kann sich das Herz besser beschäftigen als mit einem Begriff, bei dessen Erwähnung es den meisten von uns warm um eben dieses wird, nämlich mit dem Begriff "Heimat".
"Heimat" - ein großes Wort, ein weiter Begriff und doch etwas, bei dem viele von uns ähnliche Empfindungen haben. Nur elf Prozent der Deutschen verbinden mit dem Begriff "Heimat" die gesamte Bundesrepublik. Für die restlichen 89 Prozent ist Heimat etwas Kleines, Nahes, etwas, das man besser kennt als ein rund 357.000 Quadratkilometer großes Land mit über 80 Millionen Einwohnern. Heimat fühlt sich für die meisten von uns ähnlich an und bedeutet doch für jeden etwas ganz anderes.
Allein, wenn ich meinen Blick über die baden-württembergische Landkarte streifen lasse. Für die einen ist Heimat die erste Erhebung der schwäbischen Alb, die man am Horizont erkennen kann. Für andere ist es der Stuttgarter Fernsehturm, sind es die roten Bollenhüte der Schwarzwaldmädchen, die Fachwerkhäuser in der Innenstadt von Rothenburg, die terrassierten Weinberge am Kaiserstuhl, das kleine Ausflugslokal im Odenwald oder der Fischkutter am Bodensee.
Auch in unserer Raumschaft ist man gerne daheim. Mit Heimat verbinden wir die Reben und Trauben im Weinsberger Tal, den leckeren Wein, den wir aus ihnen machen und die handgeschabten Spätzle, die sonntags auf den Tisch kommen. Heimat ist der beeindruckende Bau der Heilbronner Kilianskirche, die Altstadt von Bad Wimpfen, die modernen Bauten im Gewerbegebiet von Neckarsulm und das Werkstor von Audi. Die weiten Landschaften des Kraichgaus, die verwunschenen Wälder der Löwensteiner Berge und die urtümlichen Flusslandschaften an Jagst und Kocher.
Und für manchen Unterländer - und sicher auch für den einen oder anderen, der unsere Raumschaft verlassen hat, ist Heimat eben das Örtchen Cleversulzbach. Der Blick auf seine Fachwerkhäuser, der Geschmack des Trollingers, der hier wächst, der Duft des original Cleversulzbacher Zwiebelkuchens und vielleicht auch der Klang eines Gedichts von Eduard Mörike, der hier gelebt und den Ort in einem ausgesprochen langen Gedicht über einen Kirchturmshahn verewigt hat. Das alles erweckt in jenen, die hier ihre Heimat haben, ein gutes Gefühl. Das Wort Heimat kennt übrigens keinen Plural. Und ich glaube, das hat seinen Grund. Zuhause kann man sich an mehreren Orten wohl fühlen, aber eine Heimat hat man nur einmal.
Doch was ist Heimat eigentlich? "Heimat ist Heimat" habe ich einmal gelesen und aus dem Deutschen nur schwer zu übersetzen. Andere Sprachen brauchen mehr als einen Begriff, um das auszudrücken, was wir mit "Heimat" meinen. Im Englischen zum Beispiel versucht man, das Wort Heimat mit Begriffen wie "homeland" und "roots" zu übersetzen, aber einen einzelnen Begriff, der beide Komponenten - Ort und Verwurzelung - unter einen Hut bringt, kennt das Englische nicht.
Dabei ist Heimat auch mehr als nur ein Ort, Heimat hat auch eine zeitliche, eine kulturelle und eine soziologische Komponente. Und es ist kein Wunder, dass Heimat seit geraumer Zeit eine Art Renaissance erlebt. Als wolle man der immer schnelleren Technisierung, der immer geringer werdenden Bedeutung von Entfernung, der sich globalisierenden und zusammenrückenden Welt etwas entgegen halten, entdecken viele Menschen das wieder, was schon für ihre Großeltern ein Gefühl von Heimat erzeugt hat. Während es noch in den 1990er Jahren gar nicht modern genug sein konnte, findet man plötzlich wieder Trachten in den Kleiderschränken, boomen Urlaubsziele, die man in zwei oder drei Stunden mit Zug oder Auto erreichen kann und wer bei der Geburtstagsfeier Omas schwäbischen Apfelkuchen serviert, der darf sich des Lobes seiner Gäste sicher sein.
Heimat ist unspektakulär, Heimat ist ehrlich und authentisch, Heimat gewährt einem eine Auszeit von der Schnelllebigkeit des Alltags. Und wie bei so vielen anderen Dingen steigt auch die Bedeutung von Heimat, wenn man diese einmal verlassen hat und Dinge zu schätzen lernt, die vorher selbstverständlich waren.
Dabei ist Heimat nichts, das ausschließt, Heimat ist etwas, das man teilen kann. Wer eine schöne Heimat hat, kann anderen in ihr ein Zuhause bieten. Krieg, Unterdrückung, Hunger und Naturkatastrophen zwingen Menschen, ihre Heimat zu verlassen, auch wenn sie dies eigentlich überhaupt nicht wollen. Deswegen eignet sich ein Festwochenende wie dieses auch, um sich zu vergegenwärtigen, dass uns Europa und der Prozess der europäischen Integration - bei allen aktuellen Problemen - etwas beschert hat, von dem eine erschreckend hohe Anzahl von Menschen weltweit nur träumen kann: eine Heimat, in der wir in Frieden und in gutem Miteinander leben. Und es eignet sich auch, um an die Menschen zu denken, die dieses Privileg nicht haben und die ihre Heimat - aus welchen Gründen auch immer - verlassen mussten.
Wenn man Suchmaschinen im Internet bemüht oder Bücher mit Zitaten durchblättert, findet man zum Begriff Heimat eine ganze Menge. Zu jeder Zeit haben Dichter und Denker, Philosophen, Literaten, Künstler und Politiker schlaue und weniger schlaue Sätze über den Begriff Heimat formuliert.
So findet zum Beispiel der Dichter Christian Morgenstern, Heimat sei nicht der Wohnort, sondern der Ort, an dem man verstanden wird. Der Schriftsteller Horst Bienek trägt Heimat in seinem Kopf und seiner Seele und der amerikanische Lyriker Robert Lee Frost definiert Heimat als den Ort, "wo sie einen hereinlassen müssen, wenn man wiederkommt".
Ich persönlich habe eine ganz einfache Definition von Heimat. Sie ist dort, wo man sich sauwohl fühlt…
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, noch einen angenehmen Festabend, einen interessanten Einblick in die Geschichte Cleversulzbachs und viel Spaß mit dem bunten Programm an diesem Festwochenende. Nutzen Sie es doch, um einmal darüber nachzudenken, was Ihr Heimatort für Sie ganz persönlich bedeutet. Welche Dinge, welche Gefühle und welche Erlebnisse Sie mit ihm verknüpfen und fragen Sie auch Ihre Nachbarn, Ihre Vereinskameraden und die Menschen, denen Sie im Lauf dieses Wochenendes begegnen. Ich bin mir sicher, dass dadurch viele spannende Gedanken und interessante Gespräche entstehen werden!"
(es gilt das gesprochene Wort)