Festrede:
Lieber Dieter Scholz,
liebe Naturfreundinnen und Naturfreunde,
werte Festgäste,
seit 90 Jahren gibt es euch, liebe Neckarsulmer Naturfreunde!
90 Jahre Freude an der Natur und Aktivitäten im Einklang mit der Umwelt. 90 Jahre Kameradschaft und Gemeinsamkeit. 90 Jahre eintreten für internationale Solidarität, für Frieden und Gerechtigkeit.
All dies sind gute Gründe, zu eurem 90-jährigen Jubiläum nach Neckarsulm zu kommen. Ein weiterer Grund ist, dass ich – gerade in unseren geschichtlichen Wurzeln – viele Gemeinsamkeiten und Parallelen sehe, so dass ich meine Glückwünsche ausdrücklich auch als Sozialdemokrat überbringe.
Ein runder Geburtstag ist eine gute Möglichkeit, zurück zu blicken. Nicht nur auf die eigene Ortsgruppe, sondern auch auf die Dachorganisation, in die man eingebettet ist. "Die Kraft, die einst den Anfang schuf, wird immer neu geboren." So lautete vor vielen Jahren das Motto eines Bundeskongresses der Naturfreunde. Wenn ich mir die stolze Geschichte eurer Organisation anschaue, die in Deutschland vor drei Jahren ihren 100. Geburtstag feierte, dann sehe ich, dass ihr und all eure Vorgänger in dieser Zeit immer wieder Dinge erlebt habt, die dieses Motto belegen und es mit Leben füllen.
1905 gründeten 42 Menschen in München die erste Naturfreundegruppe Deutschlands. Die Idee, das Leben in Einklang mit der Natur zu gestalten und es dadurch - gerade für die Arbeiterklasse - lebenswerter zu machen, wurde überall im Land begeistert aufgenommen. Bereits 1913 –gerade einmal 8 Jahre später, hatten die Naturfreunde
23. 000 Mitglieder, die in fast 300 Ortsgruppen organisiert waren. Unter ihnen viele Sozialdemokraten.
Das Wandern, als wesentlicher Bestandteil des Vereinslebens war, war für die Naturfreunde aber mehr als Bewegung. Es war Auseinandersetzung mit der Natur und den besuchten Landschaften, es war die Chance, mit Gleichgesinnten über Probleme in Arbeitswelt, Politik und Gesellschaft zu diskutieren.. Damit unterschieden sich die Naturfreunde deutlich von bürgerlichen Wandergruppen wie z.B. den Wandervögeln.
Die Verwurzelung in der Arbeiterklasse und die politische Ausrichtung des Verbandes, die Einmischung in die Gesellschafts- und Arbeitswelt prägen eure Geschichte und euren Ursprung und daran wird deutlich, warum Naturfreunde und Sozialdemokraten stets in Freundschaft verbunden waren und es bis heute sind.
Bereits in den ersten Jahren erkannten eure Gründungsväter wie wichtig es ist, dass sich auch einfache und mehr oder weniger mittellose Arbeiter und ihre Familien von der Last des Alltags befreien können. Das erste Naturfreundehaus einer deutschen Ortsgruppe wurde 1910 auf der Musauer Alm in Tirol eingeweiht. Danach schossen die Häuser wie Pilze aus dem Boden, allein durch Eigenleistung , durch die Hände derer, die sich in euren Reihen engagierten und wurden von Gruppen, aber auch von Einzelnen gerne zu Einkehr und Erholung genutzt. So habe auch ich selbst immer wieder –und ihr sicherlich noch viel mehr, zum Beispiel oben im Steinknickle schöne Zeiten verbracht.
Und gerade am letzten Wochenende habe ich im Naturfreunde Haus Kempten oben am Immenstädter Horn, nach stundenlanger Regentour, übernachtet und die Gastfreundschaft dort genossen.
Mit dem ersten Weltkrieg endete die erste große Aufbauphase der Naturfreunde. Auch Mitglieder der NF mussten in den Krieg ziehen, und die Organisation hatte viele Verluste hinzunehmen. Dies hinderte die Naturfreunde nicht - ich denke, es bestärkte sie eher - sich deutlich gegen den Krieg zu positionieren und in ihren Ortsgruppen Kinder und Jugendliche zu versorgen, die unter dem Krieg zu leiden hatten. Allein in Nürnberg wurden fast 2000 Jungen und Mädchen versorgt. Vielen von ihnen wurde so das Leben gerettet. Diesen Taten sollte auch heute noch unser aller Respekt gelten.
Die Weimarer Republik dann lies die Naturfreunde wieder erstarken. Auch eure Ortsgruppe wurde ja direkt nach dem Ersten Weltkrieg gegründet. Anfang der 1930er Jahre gab es 60 000 Mitglieder in über 800 Ortsgruppen und rund 220 Naturfreundehäuser. Unter der am Horizont aufziehenden Weltwirtschaftskrise wurden auch die politischen Aussagen der Naturfreunde radikaler. "Jedes Naturfreundehaus, das neu entsteht, ist ein Stück Klassenkampf" hieß es beispielsweise auf einer Hauptversammlung im Jahre 1928. Auch sozialpolitische Ziele wie der 8-Stunden-Tag und die soziale Absicherung der Arbeitnehmerschaft wurden formuliert. Ebenfalls in der Zeit der Weimarer Republik gründet das Engagement der Naturfreunde in den Bereichen Kultur und Sport.
Der Nationalsozialismus war für Sozialdemokraten und Naturfreunde eine ähnlich finstere und bittere Zeit. Zwar setzte die Sozialdemokratie mit den ergreifenden Worten von Otto Wels, die mir heute noch Gänsehaut verursachen, "Freiheit und Leben könnt ihr uns nehmen, aber die Ehre nicht" bei der Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz noch einmal ein mutiges Zeichen gegen die totale Machtübernahme der Nazis, doch wir kennen den Fortgang der Geschichte.
Die SPD wurde verboten, ebenso die Naturfreunde. Unsere und eure Häuser wurden beschlagnahmt, unser und euer Vermögen enteignet, Funktionäre wurden verhaftet. Viele Sozialdemokraten und Naturfreunde fanden in der NS-Zeit den Tod. Und auch wenn gerade dies manche nicht mehr hören mögen –es sollte immer wieder erwähnt werden, damit es nicht vergessen wird und damit man nicht etwa meint, das erstarken des rechten Pöbels –gerade in den neuen Bundesländern wäre etwa eine harmlose Zeiterscheinung.
Nach Ende des 2. Weltkrieges fanden die Naturfreunde relativ schnell mit Unterstützung der Naturfeunde-Internationale wieder zusammen. Schon 1949 fand in Elmstein der konstituierende 1. Bundeskongress eurer Organisation statt. Die Arbeit stand in Kontinuität zur Vorkriegszeit: gemeinschaftliches Erleben der Natur, Unterstützung der Arbeitnehmerschaft, verbandliche Jugendarbeit und mehr und mehr politische Willensbildung. Das waren die Naturfreunde der Nachkriegszeit und sie sind es bis heute und ich würde mir wünschen sie blieben es auch in Zukunft.
Euere Ortsgruppe Neckarsulm der Naturfreunde wurde im Jahr 1918 gegründet. Ein sehr bewegtes und bedeutendes Jahr. Der Erste Weltkrieg, dem neun Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind, geht zu Ende. Wir erinnern uns an die Ausrufung der Republik durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann und der Räterepublik durch den Kommunisten Karl Liebknecht am 9. November in Berlin. Kaiser Wilhelm II. dankt ab, Friedrich Ebert wird Reichskanzler und im zweiten Versuch nach 1848 gelingt es zumindest vorübergehend, in Deutschland eine liberale Demokratie zu errichten.
1918 war auch das Jahr, in dem sich mit der spanischen Grippe die letzte große Pandemie der Neuzeit ausbreitete. Im Laufe von zwei Jahren erkranken weltweit über 500 Millionen Menschen, mindestens 25 Millionen sterben.
Ebenfalls im Jahr 1918 – und damit im gleichen Jahr wie die Naturfreunde Neckarsulm, haben das Licht der Welt erblickt der schwedische Regisseur Ingmar Bergmann, der kämpferische und große Politiker Nelson Mandela, der Komponist Leonard Bernstein, Hans Scholl, Widerstandkämpfer und Gründer der „Weißen Rose“ und der sozialdemokratische Altkanzler Helmut Schmidt.
Liebe Freundinnen und Freunde,
ihr blickt als Verband auf eine bewegte Vergangenheit zurück, die euch mit Stolz erfüllen darf. Viele Veränderungen in Gesellschaft und in der Arbeitswelt würde es ohne zutun der Naturfreunde nicht geben – um dieses Engagement bitte ich auch in Zukunft, denn nichts von dem was erreicht wurde, was unseren Staat heute ausmacht, wird von allein auf Dauer bestand haben, nein es muss auch im 21.Jahrhundert immer wieder neu verteidigt und erstritten werden.
Aber ich bin guter Hoffnung, dass sich in 10 Jahren die Naturfreunde Neckarsulm wieder treffen werden um dann das 100-jährige Jubiläum zu feieren –und so ihr mich einladet werde ich wieder kommen. Und ich bin mir sicher, in 60Jahren werden sich die Naturfreunde treffen um das 150. Jubiläum eurer Ortsgruppe feiern zu feiern –und ich hoffe euere Nachfahren werden dann wieder einen sozialdemokratischen Abgeordneten einladen – ich werde es jedenfalls dann mehr nicht sein.
Ich bin deshalb zuversichtlich was die Naturfreunde anlangt, weil nämlich Zusammenhalt, das Erleben von Natur und das Eintreten für Naturschutz und Nachhaltigkeit Dinge sind, die gestern gefragt waren, die heute gefragt sind und die auch morgen noch gefragt sein werden. Sicherlich in anderer Form und Aufmachung als früher, aber nicht in anderer Qualität. Und wenn die Naturfreunde ihr Selbstverständnis als „Verband für Umweltschutz, sanften Tourismus, Sport und Kultur“ erhalten, und auch weiterhin ihren Anspruch auf gesellschaftliche und politische Teilhabe erheben, dann ist es mir um die Zukunft der Naturfreunde nicht bange.
Liebe Freundinnen und Freunde, der Zukunftsforscher und Schriftsteller Robert Jungk hat bereits 1963 auf einem Kongress der Naturfreundejugend gesagt: "Es ist die Aufgabe dieser Generation, die Technik dem Menschen wieder untertan zu machen. Sie muss den blinden Fortschritt in sehenden Fortschritt verwandeln. [...] Nur wenn wir weit über den Tag hinaus denken lernen, werden wir unsere Zukunft sichern. [...] Lasst uns der Tradition und der Erfahrung der Naturfreunde erinnern und danach handeln: Für Frieden, Menschenrechte und eine gesunde Natur. Wer vom Ziel nichts weiß, kann den Weg nicht finden."
Diese Worte sind auch heute noch aktuell – leider muss man fast sagen. Aber das gesellschaftliche Bewusstsein für die „alten Werte“ wächst – auch und gerade bei der jungen Generation. Deswegen lohnt es sich, weiterhin dafür einzutreten. Und ich kann euch versichern, wir Sozialdemokraten stehen hierbei an eurer Seite.
Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit sind Werte, die gut zusammen passen. Und in der heutigen Zeit, wo wir mit knappen Ressourcen und massiver Umweltschäden zu kämpfen haben, geht das eine nicht mehr ohne das andere.
Man kann auch sagen: Gerecht ist, wenn wir diese schöne Welt bewahren und dafür Sorge tragen, dass auch unsere Kinder und Enkelkinder, deren Kinder und Enkelkinder sich an ihr erfreuen können.
In diesem Sinne freue ich mich auf weitere Jahre Naturfreunde Neckarsulm und nun auf einen gemütlichen Abend!
Berg frei und Glück auf!