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MdL Stoch: „Inklusion ist eine Aufgabe“

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Vergangenen Mittwoch lud der Landtagsabgeordnete Andreas Stoch zur Veranstaltung „Inklusion: Chance oder Risiko?“ in die Heidenheimer Christophorusschule. Die gut und prominent besuchte Podiumsdiskussion beleuchtete das Thema kontrovers, aber sachlich. Fazit der kompetenten Gesprächsrunde war, dass Inklusion Chancen und Risiken berge, vor allem aber eine gesamtgesellschaftlich zu leistende und auch leistbare Aufgabe sei.

Die im März 2009 auch in Deutschland in Kraft getretene UN-Konvention für Rechte von Menschen mit Behinderungen fordert ein integratives, nach dem englischen Originaltext „inclusive“ auch inklusiv genanntes Bildungssystem auf allen Ebenen. Das heißt, dass das Schulgesetz geändert und die Sonderschulpflicht abgeschafft werden muss.

In Gesprächen mit Betroffenen stellte der Landtagsabgeordnete Stoch fest, dass die neue Gesetzeslage Hoffnungen, aber auch Unsicherheiten in der gesamten Eltern- und Lehrerschaft weckt, und Fragen nach Durchführbarkeit und Finanzierung der Inklusion aufwirft. Deswegen lud er zur Podiumsdiskussion ein, die große Resonanz fand. Neben Vertretern von Vereinen für behinderte Menschen und zahlreichen Schulleitern, Lehrern und Eltern kamen Heidenheims Bürgermeister Rainer Domberg, Kreiskämmerer Roland Fuchs und Sozialdezernent Anton Dauser sowie Schulamtsleiter Hans-Jörg Polzer und Sonderschulbeauftragter im Schulamt Göppingen, Harald Gross.

Nach einer kurzen Einleitung durch den Abgeordneten stellte als erster Referent Rubens Link, Leiter der Christophorusschule, seine Schule vor und verwies darauf, dass diese bereits integrativ tätig sei, indem sie durch gezielte Förderung im Kindergarten eine Einschulung in die Regelschule für möglichst viele Kinder ermögliche und einige Schüler seiner Einrichtung wieder in die Regelschulen zurückführen könne.

Karin Bürzele, Vorsitzende des Heidenheimer Gesamtelternbeirats, gab einen Einblick ins derzeitige Stimmungsbild der Elternschaft, das von Hoffnung auf mehr Normalität im Umgang mit Behinderten bis hin zu Ängsten vor Leistungsdruck und Mobbing in den Regelschulen reichte.

Dr. Alexandra Palzer, Vorstandsmitglied der AG Integration Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen, berichtete beeindruckend über persönliche Erfahrungen mit ihrer behinderten Tochter. Diese besuchte einen Regelkindergarten und eine Regelschule, was die Familie hart erkämpfen musste, denn „Recht zu haben heißt noch lange nicht, auch Recht zu bekommen“, beklagte Dr. Palzer die strittige Rechtslage in Deutschland. Inklusion dürfe keine bloße Umetikettierung der allgemeinbildenden Schulen sein. Sonderpädagogik müsse zu den Kindern kommen, nicht die Kinder zu ihr.

Gerhard Oberlader, Kreisvorsitzender der GEW und Lehrer an der Arthur-Hartmann-Schule für Sprachbehinderte, befürchtete Änderungen des Berufsbildes der Sonderschullehrer hin zu „Handlungsreisenden“, begrüßte dennoch die UN-Konvention als „Push für das Schulsystem“, das besonders in Baden-Württemberg für jede Änderung Druck von außen benötige. Die GEW fordere eine Schule mit inklusivem Charakter, keine weitere Zergliederung des Bildungssystems, wie sie durch die Werkrealschulen geschaffen wurde. „Inklusion ist eine politische Entscheidung“, argumentierte Oberlader. „Das ist eine Strukturfrage und kann nicht unideologisch diskutiert werden.“

Schulamtsleiter Hans-Jörg Polzer zerstreute Illusionen, dass es einen Königsweg in der Bildung gebe. Das hänge immer individuell vom Kind ab. Doch auch das Kultusministerium sei der Rechtsauffassung, dass mehr Inklusion geschaffen werden müsse. Aus Behördensicht sei die UN-Konvention eine Erleichterung, weil durch den Wegfall der Sonderschulpflicht das Schulamt nicht länger den „Zuweiser“ spielen müsse. Das verlangt zukünftig allerdings von den Eltern behinderter Kinder große Eigenverantwortung, denn Sonderschulen seien bisher ein „all inclusive“-Angebot gewesen. Eine mögliche Umsetzung der UN-Konvention sieht Polzer auf drei verschiedenen Ebenen: die Beibehaltung von Sonderschulen, die flächendeckende Errichtung von Außenklassen an Regelschulen und ein wohnortnahes, aber trotzdem zentriertes integratives System, um die Atomisierung der Bildungslandschaft zu verhindern. In Hinsicht auf den demografischen Wandel könnte die Inklusion eine Chance für den Erhalt ländlicher Hauptschulen bieten.

Als Abschluss der Referentenrunde sprach Walter Leyh, Landessprecher von „Selbstaktiv“, einer Arbeitsgemeinschaft Behinderter für Behinderte in der SPD. Er sprach sich im Namen seiner Partei für das inklusive Schulsystem und eine gemeinsame Beschulung aller Kinder bis zur zehnten Klasse aus. Grundbedingungen dafür sind nicht nur bauliche Voraussetzungen, sondern auch die einheitliche Bezahlung aller Lehrkräfte.

Andreas Stoch stellte zusammenfassend fest, dass die Kluft zwischen Inklusionsbefürwortern und „konservativer Sonderpädagogik“ zum Wohle des Kindes geschlossen werden müsse. Die UN-Konvention zwinge zur Reflexion des Schulsystems und auch zur Veränderung der Strukturen. Allerdings werde eine Parallelstruktur auf Dauer kaum finanzierbar sein.

Die anschließende rege Diskussion eröffnete Stochs Vorgänger im Parlament und Sonderschullehrer, Wolfgang Staiger. Er plädierte für ein zieldifferenziertes Angebot mit sonderpädagogischer Begleitung und forderte neue Module in der Aus- und Weiterbildung für Menschen mit Behinderungen. Kurt Wehrmeister, SPD-Stadtrat und selbst Vater eines behinderten Kindes, forderte eine UN-Konvention, die das selektive dreigliedrige Schulsystem verbiete. Es könne keine Verpflichtung zur Inklusion ohne die finanziellen Mittel dafür geben. Bildungsdezernent Dauser, zuständig schloss sich dem an und verkündete, dass man bereits aktiv über die Inklusionsproblematik verhandle. Bürgermeister Domberg verwies darauf, dass Heidenheim als „Schulstadt“ 12 Prozent seines Haushalts für Bildung ausgebe, was weit über dem Bundesschnitt liege, und Kreiskämmerer Fuchs bemerkte, dass Geld nicht alles sei. Auf Qualität komme es an, wie die steigenden Schülerzahlen der Pistoriusschule zeigten. Mit kleinen Schritten und gegenseitiger Abstimmung aller Seiten müsse man nach gemeinsamen Lösungen suchen.

Auch Schulleiter und Lehrkräfte allgemeinbildender Schulen, die an der Veranstaltung teilnahmen, zeigten sich sehr aufgeschlossen für die Inklusion. So berichtete Sabine Palinkas, Leiterin der Heidenheimer Bergschule, über gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Sonderpädagogen an ihrer Schule. Für Werner Weber, Rektor der Friedrich-Voith-Schule, sei Inklusion nichts Neues. Man sei auf dem Weg, brauche aber viel Kreativität und einen starken Willen. Rektor Nerad von der Bühlschule in Giengen forderte auf, nicht immer auf Entscheidungen aus Stuttgart zu warten, sondern selbst Fakten zu setzen: „Giengen will Inklusion, nicht überall, aber wenigstens in einem Kindergarten, einer Schule am Ort“.

Ziel der Veranstaltung sollte sein, eine lebhafte und fruchtbare Diskussion wurde anzustoßen, die hoffentlich in viele Bereiche des gesellschaftlichen Miteinanders getragen und dort fortgesetzt wird. Inklusion dürfe nicht nur eine politische Vorgabe sein, sondern müsse bei der zukünftigen Planung und Weiterentwicklung aller Schulen mitgedacht werden.

Am 28. Juni 2010 veranstaltet die SPD-Landtagsfraktion in Stuttgart ein Forum zum Thema „Schule ist für alle da – das Recht auf Inklusion“. Nähere Informationen gibt es im Wahlkreisbüro von Andreas Stoch.

 

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